Sven-André Dreyer "
Da irgendwo am Meer" ( aus Anthologie "Kinderherz" von Tristan Rosenkranz )
Die Mama hat nichts gemerkt, die hat nichts gemerkt, die Mama. Ich habe das hartgekochte Ei einfach eingesteckt, ganz vorsichtig habe ich das hartgekochte Ei beim Abräumen des Abendbrottisches einfach eingesteckt und bin dann in mein Zimmer gegangen. Nun habe ich ein Salamibrot von gestern, einen Schokoriegel, eine Mandarine, einen Apfel, eine Flasche Saft und ein hartgekochtes Ei. Ich habe das alles unterm Bett versteckt. Das reicht. Das reicht für die Fahrt. Und die Mama hat davon gar nichts gemerkt.
Mein Sparschwein habe ich vor einigen Tagen schon geöffnet. Ich habe das Sparschwein damals von der Oma geschenkt bekommen; damit ich mir eines Tages was Schönes kaufen kann, hat die Oma gesagt, damit ich fleißig spare und mir eines Tages was Schönes davon kaufen kann, hat sie gesagt. Und das mache ich jetzt auch, jetzt kaufe ich mir etwas Schönes davon. Von 17 Euro 83 kann man sich etwas Schönes kaufen, davon bekommt man schon was Schönes.
Ich schleiche auf den Dachboden, aber Mama bemerkt mich. Ich will oben einfach mal gucken, habe ich der Mama gesagt, einfach mal in den alten Sachen da oben auf dem Dachboden gucken. Da liegen nämlich noch alte Sachen von Opa, alte Hüte und so. Und Mama habe ich gesagt, dass ich da oben einfach mal gucken will, einfach mal nach den alten Sachen von Opa gucken will.
Da liegt auch Opas alter Koffer, den kann ich öffnen, obwohl die Schlösser ganz verrostet sind. Alte Fotos sind darin, in schwarzweiß und die Ränder sind so komisch gezackt. Ich weiß gar nicht genau, wer darauf zu sehen ist. Und Buntfotos sind da auch drin, die sind ganz orange, und manche sind auch braun verfärbt. Ein kleiner Junge in kurzer Hose ist auf einem zu sehen, das ist Papa, das weiß ich, und daneben steht ein junger Mann, vielleicht Opa; ja, das ist der Opa, und daneben steht Oma, ganz jung ist die auf den Fotos noch, ganz jung ist die Oma da noch. Alle drei stehen vor den großen Dünen da irgendwo am Meer, und die Haare von Oma, Opa und Papa fliegen im Wind in eine Richtung und das Gras in den Dünen im Hintergrund auch.
Und alte Briefe sind im Koffer, und ein kleines Holzschiff ist da auch drin, das ist sicher von Papa.
Ganz vorsichtig räume ich den Koffer aus und lege die alten Fotos und Briefe beiseite, nur das kleine Holzschiff lasse ich im Koffer, das lasse ich drin, das nehme ich mit.
Mama ruft hoch, dass sie jetzt einkaufen will, und dass ich mitkommen soll, jetzt gleich. Ich will aber nicht, will mit Mama nicht einkaufen, ich will nicht mit. Dass ich hier bleiben möchte, rufe ich runter, dass sie ohne mich gehen soll, rufe ich runter, dass ich hier oben auf dem Dachboden noch ein wenig nach den alten Sachen von Opa gucken möchte, rufe ich.
Dann geht Mama einkaufen und ich kann mit Opas altem Koffer endlich runter, und das kleine Holzschiff von Papa ist auch noch darin. Und auf das kleine Holzschiff lege ich zwei Hosen und ein paar T-Shirts, die grünen Schuhe und das Salamibrot von gestern, den Schokoriegel, die Mandarine, den Apfel, die Flasche Saft und das hartgekochte Ei. Das reicht für die Fahrt, das reicht und schwer ist der Koffer auch nicht, den kann ich noch gut tragen, so schwer ist der nicht.
Weil der Papa bald auszieht, sage ich dem Mann am Fahrkartenschalter, und ich das nicht will. Weil ich nicht will, dass der Papa bald auszieht, sage ich dem Mann und dass ich zur Oma will, sage ich dem Mann, und dass ich dafür auch gespart habe. Dann zeige ich dem Mann meine 17 Euro 83; das ist doch viel, sage ich, das reicht doch bis zur Oma. Wo die Oma denn wohnt, fragt der Mann hinter dem Schalter, und ich sage, dass die Oma da irgendwo an den großen Dünen wohnt, da irgendwo am Meer.
Infos zum Buch hier:
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Infos zum Autoren:
www.sven-andre-dreyer.de/